Und einen Tag später, Punkt um 6 Uhr morgens wache ich auf in Akureyri, ich glaubt es kaum, in einem Schlafsack, bis Sonnenaufgang ist es noch richtig viel Zeit und ich habe einiges zu tun. Die erste Stunde verbringe ich mit wunderbar kitschigen isländischen Musik aus dem Radio, und als ich beim zweiten Mal Hören den Song "Jólafeeling" verinnerliche, schiebe ich mich mit meiner ganzen Faulheit aus dem Bett und beginne ein geschäftiges Treiben durch die Treppe, Gänge, Wohnzimmer und Küche des Guesthouses, den ich erst seit einer Nacht überhaupt kenne. Alle anderen schlafen. Jólafeeling. 'Meira Jólamanni í Reykjavik!', skandierten wir auf den Fahrrädern der Critical Mass. Mehr Weihnachtsmänner sollen sie in Reykjavik haben. In Akureyri sind sie da bescheidener. Die Stadt ist voller Herzen. Rote Herzen sind auf den Ampeln zu sehen, wenn sie zum Halten auffordern. Ein großes blinkendes Herz erleuchtet die andere Seite des Eyjafjörður. So ist es, meine lieben, Akureyri ist seit 2009 die Stadt der Liebe. So wollen sie der Finanzkrise entgegenwirken, die Leute glücklicher machen und die doch lächerliche Population von 17 Tausend vielleicht mal verdoppeln. Zu diesem Zweck sind auch an jeder Ecke Kindergärten, Kinderzentren und Spielplätze aus dem Boden geschossen. Und, liebe Romantiker, ist das nicht schön, 'hey, gibt mir eine Chance, wir sind doch in der Stadt der Liebe', steigert das nicht die Chancen auf ein erfolgreiches Date? Nachdem meine Spuren im Zimmer verwischt sind, denn ich bin nur halb legal dort übernachtet, und alles mit einer Hotelperfektion wieder hergerichtet ist, bin ich
Immer noch wie verzaubert nehme ich lange Wartestunden sehr leicht hin, auch keine Telefonverbindung, jedoch Hunger zu haben, macht mir nichts aus. 20 nach dem weg gefragte Isländer und 3 Kilometer später bin ich zu unserer Zentrale vorgedrungen, wo schon das Auto, Essen und die ganzen Leute auf mich warteten. Und, ein Hund, den die Schwester von unserem Freund von den Farörer Inseln mitgebracht hat. Diesmal gab es Hundebefehle auf Isländisch, jedoch sind wir in den Genuss der neuen Sprache auf dem Weg gekommen, als die Farörer Familie: er am Steuer und sie neben ihm vorne saßen und über irgendetwas plauderten. Es mag vielleicht enttäuschend klingen, dass wir einen einzigen Ort an diesem Tag besucht haben, dazu noch einen, den ich schon gesehen habe, das fühlte sich aber völlig erfüllend an. Es war eine heiße Quelle auf dem Weg nach Myvatn, der ich das letzte Mal mit ziemlicher Angst begegnet bin und nur meine Füße darin versenkt habe. Die Quelle hatte es auch in sich. Nicht der Schwefelgeruch, den uns, Hauptstadtkindern sogar sehr heimisch vorkam, es waren die etwa 47 Grad des Wassers, die das Eintauchen doch zu einem ziemlichen Theater gemacht haben, oder - besser gesagt, Oper? Denn die Laute, die ein weibliches Mitglied unserer Gruppe von sich gegeben hat, würden jede Aufnahmeprüfung in der härtesten italienischen Musikschule bestehen. Man stelle sich diese Frau beim Kinder gebären vor... Letztendlich, mit Ach und Krach, waren wir zur Hälfte drin. Ein paar Füße, ein paar Beine, ein paar ganze Körper.. Ich kann jedenfalls mit Stolz sagen, dass ich bis zur Hälfte ins Wasser geschafft habe. Und ich habe gelernt: was sich bewegt, fühlt sich stärker an. Heißer. Oder auch kälter, wie ich am nächsten Tag noch bitterlich erleben durfte. Also, nicht bewegen, um das heiße Wasser auszuhalten! Zurück in den Kleidern, und wieder auf dem Weg, stellten wir fest, dass wir doch nicht so viel Lust darauf haben, zurück zum Auto zu laufen, denn der Weg zu der Hauptstraße war 2 Kilometer und auf dem schneeverwehtem Pfad ist unser Auto stecken geblieben, wir haben es nur mit viel Mühe zurück geschoben. Also versuchten wir unser Glück und dieses Wandererglück, das einen doch sehr schnell und spontan verlässt, war auf einmal da in Form eines Lasters, der uns auf dem Weg mitnahm, so dass wir uns richtig abenteuerlich fühlten beim Fahren unter freiem Himmel, mit unseren 5 Leuten, Gepäck und... Hund. Der lag ganz lieb an meinen Beinen, ein junger, neugieriger und sehr freundlicher, aber mittlerweile auch ein frierender, müder Hund. Wieder in unserem Auto hatte er sehr viel Platz hinten, um zu schlafen und süße Träume zu haben, vielleicht von großen braunen Farörer Schafen.
Wieder in Akureyri - ein Anruf, neuer Schlafplatz, Frauke, meiner lieben Gastgeberin für einen Tag, noch mal tschüss gesagt, die ganze im Wohnzimmer strickende, im hey die ham bei Megavideo einen Premiumaccount! und bei Rapidshare auch! frechheit. Internet Filme schauende und die Hausarbeit über den Bundesgerichtshof, sowie "Heroes Of Might And Magic" meisternde Studentengemeinschaft mit einem Blick überflogen, und wieder rein ins Abenteuer. Diesmal dauerte der Weg durch die ganze Stadt nur eine halbe Stunde, es scheint, je mehr man sich verirrt und je mehr Leute man auf dem Weg nach dem Weg fragt, desto sicherer findet man den Weg beim zweiten Mal. Bemerkenswert übrigens, dass es Isländer gibt, die kein Englisch sprechen. Einer von denen hat mir sogar auf Dänisch den Weg erklärt. Tatsächlich. Der Abend war voll von dem wunderbaren gemeinsam ja ich weiß ja ich war so faul und hab beim Kochen nicht geholfen, naja ich war vom Laufen müde und ich hab ja abgewaschen zubereitetem Abendessen und Gesprächen vom Höflich-Oberflächlichen bis ins tiefe Unterbewusstsein der Träume. Die Atmosphäre war völlig ungezwungen und gelassen, obwohl die Stimmung einer gehobenen Gesellschaft anmutete. Was vielleicht an der Körperhaltung und Redeweise unseres Gastgebers liegt, oder am Charme meiner zwei Begleiterinnen, die die ganze Reise über nie langweilig oder durchschnittlich werden ließen. Immer eine treffende Frage, immer ein spontaner Spruch auf den Lippen. Es gab auch reichlich Zeit für gemeinsames Schweigen, kein Radio, keine Zeitfüller haben uns gestört, und meine in aller Eile gebrannten CDs haben im Auto nicht funktioniert, was auch besser so war.
Von all dem hätten wir am nächsten morgen nur geträumt, denn es hat uns richtig kalt erwischt. Per Anhalter fahren, die Zweite. Bewaffnet mit einem künstlerisch hochwertigen Schild, mit einer Erdbeere sowie einer Karotte drauf und einem hässlichen, aber klugen "20 km"-Schild, begingen wir den Weg des Scheiterns, der uns von einem Kreisverkehr am Rande von Akureyri zur verhängnisvollen Kreuzung von dem Weg Nr.1 und dem Weg nach Dalvík brachte. Oh wie wir diesen Dalvík verfluchten! Oh wie wir die Geister beschworen, die diesen verdammten Dalvík niederbrennen, und übrigens noch unsere Füße wärmen, denn diese Füße haben schon nach 30 Minuten bereut, so früh aufgestanden zu haben und nicht sofort auf unseren farörischen Freund und Fahrer, der in Holar übernachte gewartet haben. Alle, wirklich alle, die Ausnahmen sind so gering, dass sie in der Statistik untergehen, alle Autos sind in eine Richtung nach Dalvík und in andere Richtung nach Akureyri gefahren. Der Weg nach Rekjavík interessiert einen Dreck die Leute in dieser Gegend, es scheint sich für sie kein Leben zu existieren außerhalb von Eyjafjörður, zumindest nicht um diese Urzeit. Ist ja schön, Wikipedia sagt, die haben in Dalvík nicht nur die größte Fischfabrik, sondern produzieren auch irgendso eine Software für Linux oder so. Aber unseren Füßen war das egal, sie standen da alleine und froren und es war kein Ende abzusehen. Nur der unsichtbare Sonnenaufgang spendete ein bisschen Trost. Und die Erinnerung an all das heiße Wasser vom vorigen Tag. Wie bereits erwähnt, Bewegung macht das heiße Wasser sich noch heißen anfühlen. Aber auch die eisige Luft noch schmerzhafter. So standen wir, alleine im Nirgendwo, umgeben von ignoranten Fahrern, all den Dalvíkarschlöchern, ja, Dalvík ist eine böse dreckige Stadt, oder haben sie etwa den Weg Nr.1 an sich gerissen, der ja um das ganze Island herum führen sollte, vielleicht führt er nicht mehr nach Reykjavík? Jedenfalls, so standen wir da und machten schon einen Anruf nach Holar, und freuten uns schon auf eine weitere Stunde Warten im Frost, als doch noch ein Wunder geschieht und wir auf das Auto zurennen wie ein Verliebter auf eine Verliebte in so einer Bahnhofsszene am Ende einer romantischen Komödie. Der Fahrer war gesprächiger als der schüchterne Krankenhausmitarbeiter von vorhin, der uns von Akureyri zu
Jæja, die heißen Quellen. Vielleicht war es wirklich die Rache der einsamen Verkäuferin aus dem 10-11, denn ich sage euch eins: meine Füße haben an diesem Tag keine einzige heiße Quelle berührt. Und versucht haben wir, sage ich mal, gefühlte 15 Stück.. Viele haben wir nicht mal zu Gesicht bekommen, es half auch nicht eine spezielle Karte, Buch, Navi, Google Maps, Straßennummern abwarten, Flüche, im den Steinen steckendes Auto, doch noch ein bisschen Klettern, ein toter Schaf auf dem Weg... Was wir nicht alles auf dem Weg gesehen haben, nur keine heißen Quellen. Heiße, sage ich. Es gab schon Quellen. Vereiste Wasserfälle. Auch ein Freibad, um den zu erreichen wir den Zaun fast schon auseinander nahmen, nur um zu erfahren, dass das Wasser nur eine normale Schwimmbadtemperatur hat. Oder auf die harte Tour. Eine sehr schönes, kreisförmig eingerichtetes Becken. Alles aus Holz und so. Daneben eine Vertiefung im Hügel, was aussieht wie ein antikes Bergwerk, da kann man sich umziehen. Da stand ich gerade nackt als ich das mit schon vom Tag davor bekanntes Stöhnen vernahm. Mit besorgter Stimme erzählen sie mir dann, dass das Wasser dort doch nicht so heiß war wie erwartet, etwa 23 Grad, und das bei, wir erinnern uns, -10 draußen. Unzählige Nebenstraßen, schöne Aussichten und dampfende Löcher später sind wir in dem weitesten Winkel des Landes, irgendwo bei Borgarnes auf einen guten Hotspot gestoßen. Zumindest glaube ich das. Zwischen uns war ein ziemlich mächtiger Fluss, so dass wir nicht sehen konnten, ob man in der Quelle überhaupt baden kann oder nicht. Aber, obwohl ich das nicht sah, glaube ich es trotzdem, genau so wie ich keine Sonne in Akureyri zu sehen brauche um zu wissen, dass es den Sonnenaufgang hinter den Bergen gibt. Mit dieser Philosophie versüßte ich mir den Frust aber letztendlich rettete die Stimmung die wunderbare, teure, isländische, aus Mosfellsbær Schokolaaaaade, die unsere Freund von den Farörer Inseln uns freundlicherweise probieren ließ. Oh Bifröst, oh Hvanneyri, oh alle N1-Tankestellen dieses Landes! Lange hatte ich noch den Geschmack dieser Schokolade in meinem Mund. Und was noch schöner ist, diese Nacht werde ich nicht in einem Schlafsack und auch nicht unter einer viel zu kurzen Bettdecke verbringen (an dieser Stelle Gruß an alle, die den Film "der Klub der toten Dichter" kennen), sondern in meinem Bett, unter meinem Kissen. Obwohl, wie ihr sehen könnt, dass die anderen Hauptstadtkind-Angewohnheiten auch da sind. Aber ich bin für einen guten Zweck bis 5 Uhr morgens auf geblieben. Im Sommer hatte ich dazu gesagt: "Und jetzt geht die Sonne auf". Irgendwo geht sie auf. Bestimmt. Nicht auf Grönland, wo unsere Fahrer heute Nacht noch geflogen ist, nicht in Holar, wo seine Schwester und der Hund friedlich schläft, auch nicht in den Häusern, wo die beiden anderen wunderbaren Beigleiterinnen hoffentlich schlafen, ob mit warmen oder kalten Füßen, ob mit oder ohne Schokoladengeschmack im Mund; auch nicht in Húsið, wo mein heutiger Weg auch endete, da stieg ich zum letzten mal aus diesem Auto aus und ging nach Hause, genau so, wie an jenem Freitagabend, aber doch ganz anders. Vielleicht hinter einem Berg. Wo die von Akureyris Herzen allein gelassene Frau ihre heißen Quellen geheim hält.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen