Montag, 23. August 2010

Reykjavik - die Ankuft

Ich bin um 11 abends aufgewacht, weil ich den ganzen Tag geschlafen habe - so müde bin ich. Aber die Ereignisse, die zu dieser Müdigkeit beigetragen haben, sind es wert.

Erstens, der Abschied von Núpur. Der offizielle und der weniger offizielle. Es war am Freitag, scheint aber wie ne halbe Ewigkeit weit entfernt zu sein. Morgens - die Abschlussprüfung vom Sprachkurs. Alle zittern, schriftliche Prüfung. Hörverständnis, Aufsatz. Dann rauslaufen und weiter zittern. Mündliche Prüfung. Alle sitzen im Gang vor unseren "Klassenräumen" im Keller und büffeln noch ein mal, was denn Schuhe und T-shirt aus Isländisch heißt. Übelste Anspannung... Die 10 Minuten später auch wieder vorbei ist, weil die mündliche Prüfung so lächerlich einfach war und das ganze, wie ich schon immer gesagt habe, dieser Aufregung überhaupt nicht gerecht ist. Aber ohne Anspannung keine Entspannung und kein Gefühl der Freiheit. Dieses Gefühl floss am letzten Tag einfach in Strömen. Gemischt mit "ich habe alles bestanden hä und was tu ich jetzt"-Gefühl und der Trauer, dass es nur noch einen Tag in Núpur zu verbringen ist. Im Nachhinein kann ich sagen, dass wir am letzten Tag gar nicht ahnen konnten, wie viel es zu vermissen gibt. Aber die meisten sehen sich ja wieder, mindestens ein halbes Jahr lang.
Ein paar Abschiedsworte an dieser Stelle: Alle, die nach Akureyri gehen, vor allem Frauke. Frauke mit den 1000 Gesichtsausdrücken, die blonde Verschwörung heimliche Zwillingsschwester von Gertel. Frauke, deren Herz bestimmt noch den Vatnajökull zum Schmelzen bringen wird. Ich hoffe so sehr, dass du in dem kalten-kalten Norden (als wäre es hier schon nicht kalt genug) mehr gründe zum Lächeln als zum traurig sein findest. Komm uns besuchen, ich mach dir n Tee und so :)
Und dann noch die Nina mit den wunderschönen langen roten Haaren, die den tiefsten österreichischen Akzent hat, den ich je gehört habe (ok, ich muss zugeben, ich hab in meinem Leben noch nicht viele Österreicher erlebt), Nina, die Putzfrau Hausverwaltung von Núpur halbes Jahr in Núpur gearbeitet hat und übrigens schon mit 17 (!) sehr viel in der Welt unterwegs war, alleine ihre Festivalbändchen sind sind so viele, man könnte aus ihnen ein Schal basteln. Nina, ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem mutigen Vorhaben und wenn du Hilfe brauchst, vergiss nicht, dass du mindestens 90 Freunde in dieser Stadt hast ;)
Und noch einen Gruß an die Jenny, die uns ebenfalls verlassen hat und erst im nächsten Semester nach Reykjavik zurück kommt. Jetzt habe ich niemandem mehr, der mich zum fleißig-sein (zumindest innerlich) motiviert, dem ich mich in der Anti-Party-Widerstandsbewegung anschließen will, der mir den Unterschied zwischen Holländisch und Niederländisch beibringt und zeigt, wo die Stadt khhhhrr-oningen liegt und dem ich Schokolade schulde. Es lebe die Jenni-und-Stefanie-Laptop-Keller-Sessions. Der Geheimtipp des Jahres ;) Auch im Gang im 2tes Stock erhältlich. Schokolade bringt den Glauben an die Menschheit zurück! (ok, Außensehende verstehen jetzt überhaupt nichts, tja, Pech gehabt)
Das waren jetzt nur 3 von 90 Tränen, die wir zu vergießen hatten. Aber für die Abschiestraurigkeit und verwirrt-sein blieb nicht viel Zeit. Wir befinden uns immer noch im Freitag, es ist Nachmittag, ich bin schon wieder erkältet, mein "Bruder" James macht sich schick und verlangt von mir, meine Boxen aus dem sorgfältig wieder gepackten Koffer wieder rauszuholen, um seine sehr britische Musik zur Einstimmung in unserem Zimmer ertönen zu lassen. Keiner ahnt es, aber dieses Ereignis wird noch den Abend retten. Aber dazu später. Erstmals wieder ne Abschweifung, weil mir was eingefallen ist.
Das Essen. Das Mittagessen am Freitag. War komisch. Schafskopf, was mehr ein anatomisches als kulinarisches Vergnügen war, Sülze (für alle, die so wie ich dieses Wort zum ersten Mal hören: ein ekliges Gemisch aus gefrorenem Fett und dem, was einmal Fleisch gewesen ist) und einer zu stark gewürzten Suppe. Ekki fisk. Eg var ekki glaður. Und hatte immer noch Hunger. Das Abendessen war dafür umso fantastischer. Schweinefleisch, Kartoffeln und "spanish-style" geklautes Bier. Dies ist auch der erste Augenblick, an dem ich "Fokkin amazing" zu sagen begann, weil mein Glücksgefühl einfach über den Rand schlug. Nach dem Essen ertönten die von uns schon zum Tagesablauf gewohnten "May I have your attention please"-Worte von unserem Master Siggi, der diesmal keine Schauergeschichte über sich erhängte ehemalige Schüler von Núpur, die als Geister weiter leben (es war eine Schule gewesen, von von 20er bis 90er Jahren), sondern die Einleitung zu den Abschiedsworten unserer Lehrer und der Organisatoren des Kurses. Es wurde sehr viel Isländisch geredet, so dass wir nur noch mit dem halben Ohr zugehört hatten. Wobei offizielle Worte nicht nie besonders spannend waren... Helga ist die Beste, muss ich an dieser Stelle noch mal loswerden!
Das Abendprogramm füllten 4 Präsentationen von den 4 Gruppen im Sprachkurs und der Gesang vom Chor (der ebenfalls aus uns bestand). So etwas lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Es gibt diverse Fotos und n Paar Videos davon. Es gab ein spontan ausgedachtes Schauspiel über einen Wikinger, der auf der Suche nach Heidelbeeren ist (so ziemlich das einzigste, was auf Island im Überfluss gedeiht) und dabei so ziemlich jeden Insider-witz begegnet, den wir in Núpur kennengelernt habe. Ich habe noch nie so laut gelacht wie bei diesem Schauspiel, ich schwöre :) Dann kam ein Spiel mit isländischen Worten und eine isländische Version von "It's raining men", der gute James an der Gitarre. Und am Ende kam unsere Gruppe mit einem unvergesslich chaotischen Spiel. Gedacht war das als eine Kette der Aktionen - jeder im Raum bekam einen Zettel, auf dem Stand, was er machen soll, wenn jemand anderes eine Bestimmte Sache macht. Und auf diese Aktion gibt es wiederum ne andere. So sachen wie stell dich mitten im Raum und imitiere einen Schaf und der nächste hat den Zettel, wenn du einen Schaf imitierenden Menschen im Raum siehst, dann geh zu ihm und umarme ihn. Und so weiter.. Beim ersten Durchlauf ist es aber dazu gekommen, dass alle zu gleichen Zeit ihre Sachen gemacht haben und nie damit aufhörten. Dieser Chaos.............. Den zum Glück der Moderator des Spiels, Markus, vor dem 2ten Durchlauf sehr gut ausruderte, man sieht ihm seine DJ-Künste an, vielen Dank an dieser Stelle. Als dann das Spiel beim 2ten Mal perfekt lief, kam im Rahmen des Spiels zu einer kleinen ungeplanten Disco, sozusagen als letzte Aktion - es gingen sogar die Lichter aus und ein drittel der Leute waren am Tanzen. Wahnsinnsgefühl. Aus dem wir nach einem Lied wie auftauchen mussten, weil noch ein Spiel bevorstand, das uns die Lehrer vorbereitet haben: Es stehen 8 Stühle nebeneinander, je 2 für für jede Gruppe vom Sprachkurs. Die Aufgabe besteht darin, einen Gegenstand zu holen - jedes Mal gibt es ein Stuhl weniger. Die Gegenstände wurden mit jeder Runde immer verrückter - von einer Uhr bis zu Hose, und bei der letzten Runde musste, die zwischen James (Gruppe 3) und Markus (der andere Markus, Gruppe 2) ausgetragen wurde, musste man tatsächlich einen BH mitbringen, so dass der ganze Saal vor Lachen und Überraschung am Liegen war.
Danach wurden unmittelbar die Lichter ausgeschaltet und es kam mein persönlicher Tiefpunkt des Abends: Disco. Diesmal eine echte, lange, mit den Liedern, die man sowieso schon kennt, und ich bekam ein starkes Bedürfnis, mich mit der Anti-Party-Widerstandsbewegung im Keller einzuschließen oder zu den Rauchern raus gehen und mich endgültig zu erkälten. Aber, dramaturgisch sehr korrekt, gehört zu einer glücklich ausgehenden Handlung ein Tiefpunkt in die Mitte. Und so war es auch. In der Sofaecke direkt vor den Türen des Esssaals saßen ein paar Leute und Markus mit deinem Laptop und es entstand eine kleine Keimzelle mit Musik, die so anders und besser war, als die Party drin, dass die Leute einfach dort tanzten, 3 Leute, 5 Leute.. Immer wieder öffnete sich die Tür und uns übertönten die pumpenden Beats der grausigen Party da drin, aber immer wieder kamen auch Flüchtlinge von drin, so dass die Party vor der Tür immer bedeutender wurde. Schließlich wurden die Rufe nach den DJ-Wechsel auf der Party immer lauter und wir sind mit seinem Laptop in die Party rein und haben den Laden übernommen. Der Anschluss vom Laptop an die Partyboxen ging nicht, egal wie sehr wir es versucht haben. Kein Markus als DJ, kein Musikwechsel, traurig, traurig... Irgendjemand meinte dann, wir sollen einen anderen Raum aussuchen, also gingen wir zu der alten Sporthalle, ja genau die, wo sich mal ein Schüler erhängt hat, und zwar wir gingen in den Vorraum, der sehr schön und gemütlich eingerichtet war mit Sofas, Tischen und sogar einer Mikrowelle. Unvergesslich ist der Einzug dorthin. Markus und sein Laptop in der Dunkelheit aus dem Hauptgebäude raus marschiert, zu sehen war nichts mehr, nur der leuchtende Kreuz der Kirche nebenan, die glaub ich, nie benutzt wird. Und Musik aus dem Laptop. Die Sporthalle befand sich etwa 100 Meter vom Hauptgebäude entfernt. Es war ein Gefühl, als würden wir völlig allein in der Wüste mit Musik irgendwohin gehen. Dann die Tür auf, Licht an, alles auf Position. Das war ein echtes "den Laden übernommen". Und jetzt kamen meine Boxen wieder ins Spiel, weil vom Laptop alleine war so ziemlich nichts zu hören. Also musste ich wieder draußen rumrennen (ich war immer noch erkältet, wohlgemerkt), um in meinem Zimmer meinen Boxen zu holen, die ich ja am Nachmittag für James rausgepackt hatte. Dann schnell wieder zurück. Zunächst waren nur 3,5 Menschen anwesend, weil niemand so richtig kapierte, wo denn diese Sporthalle sich befand und dass die Party nicht drin, sondern in einem Vorraum stattfand. Dann aber wurde es immer voller und als ich das letzte Mal zum Esssaal kam um Kerzen zu holen, waren da nur noch 10 Laute anwesend und nach einer halben Stunde hörte ich, dass sie zu ist. Und bei uns waren es mittlerweile so 50 Leute und meine Boxen gaben ihr bestes, es war aber mit so viele Leuten nur noch Schlagzeug und Überreste vom Bass zu hören. Die Leute haben trotzdem getanzt, und zwar so was von. Ich hab sau viel geschwitztich dachte, ich würde am nächten Tag sterben, aber meine Erkältung hat sich irgendwie in der Luft aufgelöst. Es war großartig, unvergesslich, unbeschreiblich......
An dieser Stelle noch eine Abschweifung. Das einzige vernünftige Lied von der ursprünglichen Party am Freitag erinnert mich daran. Liebe. Drama. Während der 3 Wochen gab es unter anderem sehr viel Herzschmerz unter den Teilnehmern vom Sprachkurs. Ich werde jetzt nicht ins Detail eingehen, aber jede von den Geschichten ist sehr intensiv und sehr bewegend..... Genau wie das Gesprächsthema von einem der Abende: wie lange kann es dauern, bis man Freunde wird? Die beste Antwort war: 10 Sekunden. Und es ist wahr. 10 Sekunden, 3 Wochen - es kommt vor allem auf die Intensität des Erlebnisses an. Und diese 3 Wochen waren für und alle sehr intesiv, so dass wir jetzt fast alle einander in die Augen schauen können und wissen: da ist was dahinter, da ist jemand für mich.
Als erster Beweis dafür kann der erste Tag in Reykjavik gelten, als der Großteil der Gruppe sich während des Stadtfestes, wo überall sehr viel los war, zusammen rumgelaufen ist und sogar aus einem sehr langweiligen Konzert in der Innenstadt eine Party gemacht hat. Einfach 50 rumhüpfende Leute - es reicht. Und danach zum Feuerwerk im Gänsemarsch gelaufen, und das Feuerwerk - schon wieder: großartig, unvergesslich, unbeschreiblich! Ich war schon wieder erkältet und schon wieder dachte ich, der nächste Tag würde die Hölle sein. War es aber nicht. Erstmal tief in der Nacht meinen neuen Mitbewohner vom Busbahnhof in Reykjavik abgeholt. In unsere Zimmer durften wir erst einen Tag nach der Ankunft, also sind wir bei einem von dem Kurs (schon wieder ein Spanier) geschlafen, mit noch 7 Leuten im Raum. Das Sofa hatte die halbe Länge von mir, entsprechend schön war auch mein Schlaferlebnis. Wobei ich mich nicht mit Leuten messen will, die auf dem Boden geschlafen sind.
Gestern, dann endlich die Ankunft in meinem Zimmer. Ich wohne in einem Hotel in einem 2Zimmer-Appartement. Mein Mitbewohner ist ein Spanier, Iago ist sein Name. Er wird mein Bruder für die nächsten ach ich will sie nicht zählen Monate sein. Wir haben von allem genügend: einen Kühlschrank, ein Bad uns so, Besteck hat's hier auch, und Teller, und Gläser.. Lampen gibt es, 2 Tische, Fernseher und Sofa im Wohnzimmer, der gleichzeitig Küche ist und zwischen unseren 2 Zimmern sich befindet. Alles minimal, nur eine Sache ist im Überfluss. Jeder Zimmer bei uns hat 2 Betten. Wozu bloß? Hmmmmmm......
Jedenfalls, auf dem 2ten Bett hab ich jetzt diesen Blogeintrag geschrieben, die ganze Nacht. Kurz nach der Ankunft hab ich angefangen, mich hier einzurichten, bin dann aber vor Erschöpfung ins Bett gefallen und um 11 abends erst aufgewacht. Interessanter Schlafrhythmus grad.. In der NAcht war es sehr stürmisch, kein Wunder, ich lebe ja auch direkt am Ozean. Heute wird weiter ausgepackt, Isländische Sim-Karte geholt und sonst noch Sachen erledigt.. Grüße an alle, die heute noch nicht gegrüßt wurden, Fotos gibt es und wird es geben auf Facebook.
Grad kommt die Sonne raus.

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