Montag, 22. November 2010
Der Eingang in diese Geschichte ist die Fahrrad-Werkstatt, die sich unweit von 101 (Stadtzentrum) befindet, in einem einsam stehenden Haus, umgeben von zukunftsträchtigen Baustellen, Glashäusern (Banken, Hotels..) und Anfängen von einem Stadtrand-feeling, wo der Laugevegur anfängt, die Ausmaße einer Autobahn anzunehmen, die Häuser nicht mehr niedlich und bunt sind und isländische Realität unvorbereitet und brutal ins Gesicht schlägt. In diesem Haus, im Keller, befindet sich die besagte Werkstatt. Sie ist ziemlich populär. Es gibt keinen Erasmus-Student, der sie noch nicht ausprobiert hat, und ungefähr die Hälfte davon hat bereits einen Fahrrad dort zusammengebastelt. Der Free-Shop hat auch eine gewisse Bekanntheit, beziehungsweise die Mülleimer-Aktivitäten drumrum. Basiert einfach auf der Tatsache, dass isländische Supermärkte sich sehr verschwenderisch verhalten und oft sogar noch frisches Essen aufm Müll schmeißen; und dass wir Studenten grundsätzlich arm und hungrig sind. Bis dahin ist noch alles einfach. Geht man aber tiefer, denkt man an die Motive und Ziele der Macher von diesem Ort - warum man kaputte, verschrottete oder einfach nur verwaiste Fahrräder auf der Straße aufsammelt und sie teilweise zu Einzelteilen auseinander nimmt teilweise wieder repariert bzw. den Leuten die vorbeikommen zu reparieren hilft und das alles unentgeltlich? Und der Free Shop (im Nebenraum von der Werkstatt) - Kleider und Essen gefunden auf Straßen und im Müll - ebenfalls für umsonst? Wenn es dazu kommt, dass Fahrräder bei der "Critical Mass" wer nicht weiß was das ist sollte die Suchmaschine seines Vertrauens benutzen zum Einsatz kommen und das Essen bei "Food not bombs", einer Veranstaltung, bei der Leute mit dem aus Mülleinern "geklautem" Essen kochen, in die Stadt gehen und das an Leute verteilen? Warum machen das diese Leute eigentlich? Ja, das ist der Punkt, wo es beginnt, schwierig zu werden, wo anfängt, politisch zu werden. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir hier nur Gäste sind und nicht vollkommen wissen, wie diese Dinge in Island ablaufen. Aber selbst das, was ich schon weiß, ist unheimlich spannend. Im selben Haus gibt außer der Werkstatt und dem Free-Shop eine anarchistische Bibliothek, es treffen ehemalige Mitglieder einer isländischen Partei - rein und Kampferprobt aussehende Leute um die 40, es treffen sich durch die Krise aufgeweckte Bürger aus dem Mittelstand, und einige junge Anarchisten, und noch zig andere Gruppen und das alles will man irgendwie unter einen Hut bringen. Die Meinungen, was aus diesem Haus werden sollte sind so unterschiedlich, dass ich das Gefühl habe, dass es bald kracht. Es gibt ja auch noch die unpolitische Seite, die sagt, dass man verschiedene Gruppen im Frieden koexistieren lässt und diverse Sachen veranstaltet wie ne Keller-Disko, n Konzert, oder auch dass die Mädels den Ort benutzen können, um zusammen in der Runde gemütlich zu stricken. Dieser Keller, wo es nach Schrott und Öl riecht, wo aus den Ecken spitze Metallteile ragen, der Fahrradkeller hat jetzt eine unerwartete gemütliche Ecke mit immer noch rauen Boden, aber Sofas, Tisch, liebevollen Bildern auf der Wand und Lampen mit selbstgebastelten Ständern. In diesem seltsamen Raum geschieht dieses kleine Leben. Diese Keime, gefüttert aus unterschiedlichsten Richtungen, aber es überliegt wohl der junge und etwas naive Enthusiasmus. Was daraus wird ist ungewiss. Es kann an den verschiedenen politischen und unpolitischen Ansätzen explodieren, es kann sich in eine der Richtungen wandeln, es kann von einer ganz unerwarteten Seite übernommen werden. Deswegen bleibt es spannend. Und ich hoffe dieser äußerst instabile Ort wird bestehen bleiben und Früchte irgendwelcher Art tragen. Ich freue mich schon auf die nächste Diskussion!
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