Donnerstag, 30. September 2010

Hölle und Himmel und Alltag

Hölle und Himmel und Alltag

Reden wir über das Wetter. Das ist nämlich hier auf Island ganz spannend. Ich habe gehört, im Herbst, (dessen Hälfte nun offiziell überschritten ist, denn Herbst auf Island hat nur 2 Monate) gibt es ganz fürchterliche Stürme - wo sind sie denn nun? Ich habe bisher nur Windböen erlebt, die aber 200 Meter von der Küste in der Stadt überhaupt nicht mehr stören, von 2 stürmischen Tagen mal abgesehen. Wo ist es, dieses fürchterliche isländische Wetter, wovor ich so große Angst hatte, dass ich meinen 20kilo-Koffer so mit Kleidung vollgepackt habe, dass ich kein Gewicht auch nur für ein einziges Buch hatte. Ich schau hin und wieder in die Tagesschau rein und sehe, in Deutschland regnet's, in Deutschland ist trübe, und so weiter.. Hier regnet's auch, aber niemals den ganzen Tag lang, geschweige denn ganze Woche. Und seit ich jetzt ein stolzer Besitzer einer Busfahrkarte bin, macht er mir überhaupt nichts mehr aus. Meistens ist es eh nur Nieselregen, den man kaum spürt.

Ich hatte aber doch die Gelegenheit, mich so richtig isländisch zu fühlen. Nämlich letzte Woche bei einem Ausflug mit einem meiner Kurse ("Icelandic Natural and Cultural Legacy") zu einem alten Vulkankrater, irgendwo in der Nähe von Reykjavik. Sprich: Gras, Steine, Wüste, Steinhügel, komische Lavaformationen. So, Durchschnitt, würde ich sagen. Das war auch nicht das spannendste dort. Spannend war es, im Regen 3 Stunden zu laufen. Schöner gleichmäßiger Nieselregen. Zuerst denkst du, ach, das ist doch auszuhalten. Da wird man schneller trocken, als man nass wird, denkt man sich. Der Regen hört aber nicht auf, und es ist nicht dasselbe, wie in der Stadt rumzulafen - da ist man spätestens nach einer halben Stunde irgendwo angekommen. Auf dem Land hier gibt es aber weder Dächer noch Bäume, also war ich allen Naturkräften ausgeliefert, so wie sie dort vorliegen. Zuerst verändert die Jacke ihre Farbe (ja, diese schwarze Jacke, ihr kennt sie alle) - sie wird dunkler und dann glänzt sie wegen den vielen Wasser. Und ich denk mir - ha, die lässt doch nichts durch, super Jacke. Dann die Hose - ganz viele Tropfen, aber nie scheinen sie vollkommen nass zu werden, und außerdem ist es ja so windig, also trocknet eine Seite zumindest im Wind. So nach einer Stunde kleben sie aber doch an den Beinen, und da helfen auch keine guten Schuhe - das ganze Wasser läuft von oben rein. Danach kommt das witzigste - festzustellen, dass ich das Wasser oben nur nicht gespürt habe, weil mein Pulli und Hemd noch nicht völlig durchnässt waren. Und der Wind weht, wohlbemerkt, ins Gesicht, und das nicht zu knapp. Als wir am Krater waren, haben Steine eigentlich keinen mehr interessiert, es zählten nur noch Regen und Wind, der Wind ist nochmal mit der Höhe zugenommen, es hat sich fast schon wie Fliegen angefühlt. Meine Kamera habe ich nicht rausgeholt, das haben echt die wenigsten gemacht, aber irgendwo dürfte ein Bild von mir sein, wie ich auf dem Wind liege. Auf dem Weg zurück haben, witzigerweise, Wind und Regen aufgehört, und so konnten wir auch noch ein bisschen Sonne genießen. Verrücktes Isländisches Wetter. Die Bilanz: alles nass bis auf den Kopf und den Rücken, weil ich nen Ranzen trug. Und ne Stunde Fahrt zurück, mit nassen Sachen. Aber ich bin nicht krank geworden, immerhin :)

Ein weiteres Ereignis hier ist der Internationale Filmfestival, wo ich (natürlich!!) die Karte gekauft habe, ist ja nur 7.500 Kronen, und dafür darf ich jetzt unbegrenzt Filme schauen. Noch bis 3 Oktober. Die meisten Filme sind sehr passend für Island, oder zumindest zu dem, was man mit Island verbindet, wenn man das Land nicht kennt. Alles sehr groß, lang, ohne viele Worte und sehr künstlerisch. Und auch sehr viel soziales. Ein paar heitere Momente kommen da schon durch, man muss aber danach suchen. Beispiel dafür sind die russischen Filme, die ich hier gesehen habe, "Как я провёл этим летом" ("How I Ended This Summer"), und "Овсянки" ("Silent Souls") - im ersteren spielen überhaupt nur 2 Menschen, und das auf der Länge von 2 Stunden und einer sehr bitteren, wenn auch nicht überall nachvollziehbaren Handlung. Der zweite Film ist etwas mehr heiter, aber immer noch sehr tief in der Traurigkeit versunken. Es gab auch schlechte Filme, aber über die muss man ja nicht reden. Insgesamt finde ich es aber sehr schön und inspirierend. Es gab hier auch ne Videokonferenz mit Chomsky, die habe ich aber verpasst, weil es nur 300 Plätze gab und ich zu spät gekommen bin. Chomsky ist wichtig. Eine Professorin hier zitiert ihn, als würde sie Bibel zitieren. Is auch n wichtiger Mann, ohne Zweifel..
Apropos Bäume. Erstens habe ich mein Essay in Syntax II endlich abgeschickt und darf jetzt offiziell Syntax für mein ganzes Leben vergessen. Vielleicht werde ich aber noch zu diesem Thema zurückkehren, wer weiß.. Zweitens verfolge ich ganz intensiv die Geschehnisse in Stuttgart und fühle sehr tief mit diesen Menschen mit. Hoffentlich wird das noch irgendwie positiv ausgehen. Schon spannend, wenn hier sogar Leute aus Österreich darüber aufregen, was in Stuttgart passiert. Da wird man stolz auf die eigene Stadt, ganz gleich ob der Grund dafür traurig ist oder nicht :) Übrigens, ich hab grad eben zum ersten Mal seit ich auf Island bin, eine Polizeisirene gehört. Oder Krankenwagen, oder Feuerwehr. Ist jedenfalls sehr ungewöhnlich hier.

Ein bisschen schade, dass die Leute sich hier reihenweise erkälten, deswegen fallen viel Abende aus, aber es gibt immer noch genug schöne Abende in schönen WGs und Wohnungen. Wie gestern z.B., als ich 2 80jährige britische Ladys kennen lernen durfte, die Oma einer Erasmus-Studentin hier und ihre Schwester. Der schlussendliche Beweis dafür, dass ich Englisch nun KANN. Übrigens, in ihrer Wohnung habe ich auch gestern erfahren, dass hier reihenweise sehr gutes Futter einfach weggeschmissen wird, als Bestätigung dessen habe ich auch einen Joghurt geschenkt bekommen, und der ist lecker!! Theoretisch kann ich auch am Essen sparen, also. Außerdem kann man sich hier in einer Werkstatt einen Fahhrad basteln, und dann mit ihm an einer "Critical Mass" teilnehmen. Wie das ausgehen wird, berichte ich dann nächtes mal, wenn es mal wieder dunkler, kälter, aber unverändert veränderlich und aufregend geworden ist.

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